Warum Wildkräuter mehr als nur „Unkraut“ sind

Unkräuter sind die Individualisten im Blumenbeet.

  • Thomas Häntsch

Letzte Woche habe ich Dir auf meiner Facebookseite etwas von der Vogelmiere erzählt, die von den meisten Menschen immer noch als eines der klassischen Unkräuter angesehen wird.

Kurz darauf erreichte mich die berechtigte Frage eines Followers.

„Wenn sie so viel kann, warum gilt sie denn dann als Unkraut hierzulande?“

Tja, warum eigentlich?

Weil sie dort wächst wo sie nicht erwünscht ist. Zum Beispiel im schönen Blumenbeet oder dem mühsam angelegten Gemüsegarten.

Sie nehmen den Kulturpflanzen oder Blumen die Nährstoffe im Boden weg, genauso wie Licht, Wasser und Platz. Wenn sie überhand nehmen kann das zum Problem werden.

Im Prinzip gelten alle Pflanzen die an unerwünschten Plätzen wachsen als „Unkraut“. Und weil sie sich oft, wie zum Beispiel Löwenzahn oder Quecke, nur sehr schwer an der Verbreitung hindern lassen.

Bei den „Unkräutern“ unterscheidet man zwei Arten. Da gibt es zum einen die Samenunkräuter und die Wurzelunkräuter.

Samenunkräuter

Zu dieser Art zählen zum Beispiel die Vogelmiere mit 10.000 bis 20.000 Samen und der Beifuß.

Vogelmiere

Beifuß

Samenunkräuter sind in den meisten Fällen einjährig, d.h. nicht ausdauernd, und können sich nur über ihre Samen vermehren. Das „Problem“ bei diesen Pflanzen ist, dass sie sich bei einigermaßen guten Lebensbedingungen wahnsinnig schnell verbreiten und damit den ein oder anderen Gärtner in die Verzweiflung treiben.

Im Regelfall blühen die Samenunkräuter in den Sommermonaten und bilden dabei ihre Samen zu tausenden aus. Wind und Tiere helfen dabei die Samen schnell zu verbreiten und schon blüht im Garten, was dort nicht wachsen, geschweige denn blühen soll.

Dazu kommt, dass die Samen dieser Pflanzen jahrelang im Boden überdauern können und erst bei günstigen Bedingungen keimen und neues Samenunkraut ausbilden.

Es ist also oft eine nie enden wollende Plage „Unkraut“ eindämmen zu wollen. Noch dazu wenn man auf die chemische Keule (mit Pflanzenschutzmitteln wie z.B. Round Up) verzichtet.

Wurzelunkräuter

Diese Pflanzen verdanken ihren Namen ihrer Hauptvermehrungsart. Wurzelunkräuter wie Giersch, Quecke, Huflattich und Ackerschachtelhalm breiten sich nämlich hauptsächlich über sogenannte Rhizome (= unterirdische Wurzelausläufer) aus. Daneben bilden sie selbstverständlich auch Samen aus, die zu ihrer Vermehrung beitragen können.

 

Huflattich

Löwenzahn

Wildkräuter können aber noch viel mehr! Viele von ihnen, wie die Brennessel, sind sogenannte Zeigerpflanzen.

Bevor Du jetzt Tante Google bemühst erkläre ich Dir was genau das überhaupt bedeutet.

 

Zu den Zeigerpflanzen zählt man Pflanzenarten die mit geringer Toleranz auf Veränderungen  ihrer Lebensbedingungen reagieren. Deshalb können sie gute Hinweise auf die Beschaffenheit des Bodens liefern.

Wenn an einer Stelle in Deinem Garten also eine Pflanze besonders häufig wächst, lassen sich daraus Rückschlüsse auf den Boden ziehen.

Auf stickstoffreichen Böden beispielsweise findet man viele Brennesseln, Löwenzahn oder auch Kletten-Labkraut. All diese Pflanzen nennt man Nitrophyten. Das klingt ziemlich kompliziert, ist es aber gar nicht. Als Nitrophyten bezeichnet man lediglich Pflanzen die besonders stickstoffreiche Böden bevorzugen.

Huflattich ist eine weitere Zeigerpflanze. Wächst er an einer Stelle besonders üppig, kann das ein Hinweis auf Staunässe und einen verdichteten, schweren Boden sein. Frauenmantel kann bei starkem Vorkommen auf mageren Boden hinweisen.

Wenn Du also einmal aufmerksam durch Deinen Garten gehst oder Dein Beet betrachtest können Dir die Wildkräuter schon viel über Deinen Boden verraten. Auf diesem Weg sparst Du Dir übrigens auch teure Bodenanalysen aus dem Labor.

„Traue nicht dem Ort, an dem kein Unkraut wächst.

Sprichwort

Ein weiterer Vorteil von Wildkräutern ist, dass ihr Vitamin- und Mineralstoffgehalt um ein Vielfaches höher liegt als beim industriell produzierten Gemüse. Außerdem sind sie, ähnlich wie alte Gemüsesorten, robust, widerstandsfähig und wahre Überlebenskünstler.

Wusstest Du zum Beispiel, dass Brennesseln ca. sieben Mal mehr Vitamin C enthalten als Zitronen?

Noch dazu wachsen sie in Deiner Umgebung und müssen nicht erst um die halbe Welt transportiert werden. Und besser für Deinen Geldbeutel ist es allemal!

Oder wusstest Du, dass Wildkräuter echte Fatburner sind weil ihre natürlichen Bitterstoffe Deine Fettverbrennung ordentlich ankurbeln?

Sie sind also nicht nur gut für Deine Gesundheit sondern auch ungemein wichtig für die Tierwelt. Unzählige Insekten brauchen die Wildkräuter weil sie ein wesentlicher Teil ihres Lebensraumes sind. Berühmtestes Beispiel sind hier wohl Bienen und Hummeln. Und nicht nur sie. Mit der Brennessel sind direkt oder indirekt 107 Tiere verbunden. 19 verschiedene Falter besuchen sie. War Dir das bewusst? Auch Schmetterlinge beispielsweise lieben die kräftig leuchtenden Blüten der Distel.

Und, mal ganz unter uns…freust Du Dich nicht manchmal auch ganz heimlich über das bunte Blütenmeer?

Distel

Wenn ich Dir jetzt Lust gemacht habe das herrliche sonnige Wetter für eine Wildkräuterwanderung zu nutzen habe ich noch einige wichtige Tipps für Dich.

Du sammelst Wildkräuter bitte NICHT

  • an viel befahrenen Straßen
  • an Wegrändern und Parkanlagen (wegen der Hunde)
  • in und unterhalb von Weinbergen und Obstplantagen (wegen des Einsatzes von Spritz- und Düngemittel)
  • an befahrenen Bahndämmen (wegen dem Müll)

Geh stattdessen am besten in den Wald oder, falls Du eine hast, auf die Wiese wo Du Dir sicher sein kannst das weder Hunde dort ihr Geschäft erledigt haben noch Pflanzenschutzmittel zum Einsatz gekommen sind.

Wenn Du fündig geworden bist bitte nimm nie zu viel (z.B. Blätter) von derselben Pflanze. Tust Du das, gefährdest Du damit das Überleben der jeweiligen Pflanze. Sei behutsam und respektvoll.

Gestern haben eine Freundin und ich das gute Wetter ausgenutzt um eine Kräuterwanderung zu machen, Wildkräuter zu sammeln und lecker zu kochen.

Zuerst gab’s einen Wildkräutersmoothie mit Löwenzahn, Mageritenknospen, Breitwegerich, Spitzwegerich, Brennessel, Ehrenpreis und einigem mehr. Sehr lecker!

Danach haben wir dann richtig gekocht und zwar Kartoffelbrei, Salat und Brennesselschnitzel. Ich war mir selbst nicht ganz sicher wie das schmecken würde aber ich bin total begeistert und absolut positiv überrascht!

Wichtig: Bitte pflücke bei den Brennesseln nur Blätter von jungen Pflanzen oder, bei älteren Pflanzen, ausschließlich die oberen vier Blätter. Wenn Du empfindlich bist, ziehe Handschuhe an. Zupfe die Blätter direkt ab, ohne Stängel. Das erspart Dir hinterher unnötige Arbeit.

 

Viel Spaß beim Nachmachen!


Welche leckeren Wildkräuterrezepte kennst Du oder hast Du schon ausprobiert? Wusstest Du, dass „Unkraut“ so vielfältig ist? Gibt es vielleicht sogar ein Wildkraut das Du besonders magst oder über das Du dich besonders oft ärgerst? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

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Brennesselschnitzel
Portionen
Zutaten
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Anleitungen
  1. Wasche die Brennesselblätter, überbrühe sie mit heißem Wasser, lasse sie abtropfen und hacke sie fein. Lass Dich nicht irritieren wenn sich die Brennesselblätter danach schwärzlich verfärben. Das kommt vom heißen Wasser und ist völlig normal. Schneide die Zwiebel klein und dünste sie in Butter glasig. Schneide die Brötchen/das Brot in Würfel, weiche sie mit Milch ein und, falls nötig, drücke sie anschließend aus. Verknete die gedünstete Zwiebel mit den Brennesselnblättern und allen übrigens Zutaten zu einer Masse und würze diese nach Belieben. Forme kleine Schnitzel, wende sie in Würzhefeflocken und brate sie in Öl an. Die Brennesselschnitzel schmecken übrigens warm und kalt und eignen sich hervorragend als "Fingerfood".
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